Rungholt

 

Zur "Schimmelreiterausstellung" zeichnete der Künstler Jens Rusch (www.jensrusch.de) spontan aus unseren Rungholtfunden etwas in unser Gästebuch.


Südfall Rungholtbrunnen - Dort wo einst Häuser standen ist jetzt Wattenmeer.


Stein aus dem Rungholtgebiet

Rungholtbalken

Rungholtton

Der Ort Rungholt war eines von sieben Kirchspielen der ehemaligen Insel Strand im Nordfriesischen Wattenmeer. Er wurde in der Zweiten Marcellusflut (Grote Mandränke) am 16. Januar 1362 zerstört. Die beiden zusammengehörenden Siedlungen Grote Rungholt und Lütke Rungholt bildeten gemeinsam den Hauptort eines Verwaltungsbezirks, der Edomsharde. Diese war eine von fünf Harden der Landschaft Nordstrand. In direkter Nachbarschaft zu Rungholt lag zudem der ebenfalls versunkene Ort Niedam. Nach der Flut wurden einige Teile des ehemaligen Rungholt-Gebietes erneut besiedelt, gingen aber in der Sturmflut von 1532 unter. Von Alt-Nordstrand sind heute nur noch die Halbinsel Nordstrand, die Insel Pellworm und die Hallig Nordstrandischmoor übrig; die restlichen Gebiete gingen in der Sturmflut von 1634 verloren und sind heute Wattenmeer.

Noch heute findet man Spuren des von Sturmfluten untergegangenen Gebietes um Südfall aus den Jahren 1362

Erst kürzlich wurde vermutlich die Ortschaft Hersbüll vor Nordstrand gefunden (siehe karte rechts unten)

Funde im Watt

Obwohl Rungholt damals für eine erfundene Stadt gehalten wurde, sind auch in den Jahrhunderten vor der Identifizierung diverse Beobachtungen von Siedlungsspuren überliefert worden. Einen der ersten Hinweise liefert eine Schrift von Matthias Boetius (gestorben 1624), der von häufigen Funden von Wegen, Gräben und metallenen Kesseln im Wattgebiet schreibt. Um 1880 entdeckte ein Fischer große Holzreste im Watt an jener Stelle, an der später die Schleusen gefunden wurden; er hielt sie allerdings für ein Schiffswrack. Zudem fanden sich immer wieder Pflugspuren in alten, untergegangenen Äckern im Watt sowie Keramik und Ziegelreste.

In den folgenden Jahren sind durch die Meeresströmungen große Mengen Schlick fortgespült worden. So kamen die Überreste Rungholts wieder zum Vorschein, wurden allerdings sehr schnell zerstört. Immerhin konnten eine Vielzahl von Warften, Brunnen und sogar ein Deichfuß kartografiert werden, die eine gute Vorstellung von der Größe der Stadt vermitteln.

Inzwischen sind vermutlich alle Reste von Rungholt auf Grund der Strömungen im Wattenmeer in die Nordsee gespült worden. Trotzdem seien alle Wattwanderer darauf hingewiesen, dass eventuelle Funde zwar mit nach Hause genommen werden dürfen, aber dem Amt für Denkmalschutz in Kiel gemeldet und auf dessen Verlangen auch zur Untersuchung herausgegeben werden müssen. Die gezielte Suche und Grabung nach Überbleibseln ist dagegen ohne Genehmigung untersagt und kann mit hohen Bußgeldern belegt werden.

Warften, Brunnen und Deiche

Viele Gebäude Rungholts standen auf Warften, wie sie an der Nordseeküste auch heute noch verbreitet sind. Die Rungholter Warften bestanden aus Erdhügeln, die mit etwa 20 Schichten Grassoden gegen Wind und Wellen gesichert wurden. Reste von 28 solcher Warften tauchten deutlich erkennbar seit den frühen 1920er Jahren immer wieder auf und wurden von Andreas Busch sorgfältig kartografiert und zum Teil beschrieben. So entstand eine Karte, die mit den überlieferten Karten Rungholts verglichen werden konnte. Dadurch war es möglich, die Warften einzelnen Orten zuzuordnen: seither ist die Lage von Lütke Rungholt, Grote Rungholt und Niedam bekannt.

Auf und zwischen den Warften wurden zudem die Reste von rund 100 Brunnen gefunden, die ebenfalls aus Grassoden errichtet worden waren. Die Brunnen hatten im Allgemeinen einen Innendurchmesser von etwa einem Meter und versorgten vermutlich jeweils zwei bis drei Haushaltungen. Die Schätzung der Einwohnerzahl in dieser Gegend beruht auf diesen Funden und Annahmen, die auf die Anzahl der nicht gefundenen Brunnen der Gegend schließen lassen.

Eine einzige der gefundenen Warften wies keinerlei Reste von Brunnen auf. Sie lag in einem Bereich, in dem besonders viele Warftreste nahe beieinander entdeckt worden waren, dem “Acht-Warften-Gebiet” (in dem neun Warften gefunden wurden), nordwestlich vor der Hallig Südfall. Dieser Bereich wurde als Grote Rungholt identifiziert. Er hatte eine Ausdehnung von 900 m in Ost-West-Richtung und 600 m in Nord-Süd-Richtung. Die südlichste dieser Warften (nach der Busch'schen Zählung die Warft 1), die in etwa der Mitte der Ost-West-Ausdehnung liegt, ist diese brunnenlose Warft. Da damals die Kirche das einzige Gebäude war, das keine eigene Wasserversorgung benötigte, wird diese Warft allgemein für die Rungholter Kirchwarft gehalten. Diese Vermutung wird durch die Sichtung zweier länglicher Grubenreste im Boden unterstützt, die Gräber gewesen sein könnten. Damit ist vermutlich sogar das Ortszentrum bekannt.

Auf einer der beiden Warften, die zum Ort Niedam gehörten und die zwischen 1932 und 1956 beobachtet werden konnten, entdeckte Busch 1952 zwei parallele Sodenstreifen, die wohl die Mauern eines Gebäudes gebildet hatten. Die Mauern waren außen 5,30 m und innen 3,80 m voneinander entfernt; die Wandstärke entsprach einer Sodenlänge von 75 Zentimetern. Falls es sich tatsächlich um ein Grassodenhaus gehandelt hat, war es also eher eine Hütte. Grassoden waren damals in dieser Region der am weitesten verbreitete Baustoff, da Ziegelsteine aufgrund des Fehlens von Lehm sehr selten waren und von weit her transportiert werden mussten.

Reste einer Stadtmauer wurden zwar nicht gefunden, wohl aber die Abdrücke niedriger Deiche, die zwischen den Schleusen und den drei Orten gestanden hatten. Das Gewicht des Deiches hatte den moorigen Boden zusammengedrückt, so dass eine Bodenvertiefung übrig blieb, nachdem die Deiche fortgespült worden waren. Diese Vertiefungen wurden vermessen, und aus ihrer Breite kann man auf die Höhe des damaligen Deiches schließen: etwa zwei Meter, mit einigen Schwankungen im Deichverlauf. An einigen Stellen konnten sogar die Reste von Deichausbesserungen entdeckt werden. Dies waren Gruben, entstanden durch Sodenentnahme im ehemaligen Boden, und Pfähle zur Sicherung von neuem Material an Deichbruchstellen.

Die Alte und die Jüngere Schleuse

Damit die Entwässerung der Wiesen und Felder durch den Deich hindurch funktionieren konnte, musste das Wasser durch eine Schleuse abgeleitet werden. Reste zweier Holzschleusen tauchten erstmals um 1880 im Watt auf, wurden aber erst 1922 als Bauwerke erkannt und durch Andreas Busch erforscht. Sie lagen etwa 500 Meter nordwestlich von Lütke Rungholt. Busch konnte zwischen 1922 und 1929 die Alte und die Jüngere Schleuse vermessen und einen der Balken bergen. Zwei weitere Schleusenbalken wurden 1962 gehoben.

Buschs Messungen ergaben eine Größe der Alten Schleuse von etwa 20,50 × 3,30 m lichter Breite und für die Jüngere Schleuse äußere Abmessungen von 25,50 × 5,36 m mit einer lichten Durchfahrweite von 4,40 m. Für damalige Verhältnisse waren diese Schleusen ungewöhnlich groß. Beide Schleusen waren aus Holz gebaut. Bei der älteren Schleuse konnte Busch sogar nachweisen, dass sie undicht geworden war. Sie war mit Dichtungsmaterial repariert worden und hatte einen zusätzlichen Boden bekommen; deshalb musste die jüngere Schleuse errichtet werden. Holzschleusen hatten in der damaligen Zeit eine Lebenserwartung von etwa 80 bis 100 Jahren. Daher kann man vermuten, dass die jüngere Schleuse nicht vor 1280 erbaut wurde, die ältere demnach etwa um 1200. Das war auch der Zeitraum der ersten Eindeichung des Gebiets, wodurch Schleusen erst notwendig wurden. Aufgrund ihrer geringen Tiefe können die Schleusen keine weitreichende Entwässerungswirkung gehabt haben.

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Quellnachweise:
Wikipedia (Dank an die Verfasser!)

Foto Brunnenringe: Hans-Herbert Henningsen, Fotos: Cornelia Mertens